Digitale Souveränität – Anspruch, Realität und Verantwortung
Ein Meinungsbeitrag des Microsoft Business User Forum e.V.
Ausgangspunkt der Debatte
Die Diskussion um digitale Souveränität wird in Deutschland und Europa zunehmend emotional und oft populistisch geführt. Häufig werden alle großen US-Tech-Konzerne in einen Topf geworfen, ohne differenziert zu betrachten, welche Rolle einzelne Anbieter tatsächlich spielen. Für uns als IT-Führungskräfte im Mittelstand, die tagtäglich Verantwortung für sichere und performante IT-Umgebungen tragen, ist diese Pauschalisierung nicht zielführend.
Was bedeutet digitale Souveränität wirklich?
Digitale Souveränität ist kein Synonym für Autarkie. Sie bedeutet die Fähigkeit, selbstbestimmt und handlungsfähig zu bleiben – auch in Krisenzeiten. Für international tätige Unternehmen ist vollständige Unabhängigkeit illusorisch. Es geht vielmehr um Wahlfreiheit, Transparenz und Kontrolle über Daten, Prozesse und Technologien.
Die Realität: Wer heute auf Open-Source-Alternativen oder europäische Nischenanbieter setzt, tauscht oft nur eine Abhängigkeit gegen eine andere – mit erheblichen Risiken für Sicherheit, Skalierbarkeit und Kosten.
Scheinheiligkeit im öffentlichen Diskurs
Die Forderung nach vollständiger digitaler Souveränität klingt auf den ersten Blick verlockend – doch ist sie realistisch? Es ist eher utopisch zu glauben, dass Souveränität darin besteht, eine komplett unabhängige Systemwelt zu schaffen. Bei IaaS-Modellen mag man sich eine gewisse Unabhängigkeit noch vorstellen können. Aber wie sieht es bei SaaS-Anwendungen aus? Ist es wirklich souverän, wenn mein Rechenzentrum zwar bei einem deutschen Anbieter liegt, meine Clients aber weiterhin mit Betriebssystemen von Microsoft, Apple oder Google arbeiten?
Was nützt es, wenn die Daten „an der richtigen Stelle“ liegen, aber die Geräte nicht mehr funktionieren? Und wie sieht es mit Hardware aus? Eine Souveränität, wie sie häufig gefordert wird, erscheint kaum als realistisches Ziel. Vielleicht sollten wir uns stattdessen fragen, ob wir bei der Auswahl unserer Lösungsanbieter darauf achten, dass diese im schlimmsten Fall in der Lage sind, sich von ihrem Herkunftsland abzukoppeln. Das wäre eine lohnenswerte Betrachtung.
Besonders irritierend bleibt die Doppelmoral von manchen lautstarken Verfechtern einer „Microsoft-freien“ Business-Welt, die gleichzeitig Zoom-Meetings abhalten, Google-Suche nutzen und auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder Facebook aktiv sind. Wer digitale Souveränität fordert, muss sich der Komplexität bewusst sein: Es gibt keine einfachen Lösungen.
Gibt es echte Alternativen zu Microsoft?
Ja, es existieren Alternativen wie Google Workspace, Zoho oder Open-Source-Suites (LibreOffice, OnlyOffice). Doch die Nachteile sind gravierend:
- Kompatibilität: Probleme bei Dateiformaten und Integration in bestehende Prozesse. So erfolgt der Austausch von Dokumenten mit Geschäftspartnern aktuell über etablierte Dokumentenformate. Bei einem Wechsel auf Alternativprodukte sind Herausforderungen nicht nur bei der Integration in die eigene Infrastruktur und die Unternehmensprozesse zu bewältigen. Zusätzlich muss deren Kompatibilität mit den Lösungen der Geschäftspartner sichergestellt werden.
- Funktionalität: Fehlende Enterprise-Features wie Compliance, Lifecycle-Management oder KI-gestützte Automatisierung.
- Kosten und Personalaufwand: Open-Source ist lizenzfrei, aber nicht kostenlos. Betrieb, Wartung und Sicherheit erfordern hochqualifiziertes Personal und verursachen versteckte Kosten, die schnell sechsstellige Beträge erreichen können.
- Sicherheitsniveau: OSS-Projekte sind anfällig für Supply-Chain-Angriffe (Beispiele: Log4j, xz-utils). Ohne professionelles Patch-Management steigt das Risiko erheblich.
Sicherheit und Compliance – ein entscheidender Faktor
Microsoft investiert massiv in Sicherheit und Compliance. Die Secure Future Initiative (SFI) ist das größte Cybersecurity-Programm der Unternehmensgeschichte mit über 34.000 Ingenieuren, die an „Secure by Design, Secure by Default, Secure Operations“ arbeiten.
Aktuelle Maßnahmen:
- Zero Trust-Prinzipien in Windows und Azure.
- EU Data Boundary: Speicherung und Verarbeitung aller Kundendaten innerhalb der EU.
- Sovereign Cloud-Angebote für besonders regulierte Branchen.
- Verpflichtung zur rechtlichen Verteidigung europäischer Dienste gegen Abschaltungen durch Drittstaaten.
Verantwortung der IT-Führungskräfte
Unsere Aufgabe ist es, eine sichere, performante und wirtschaftliche IT bereitzustellen. Digitale Souveränität darf nicht zur Illusion werden, die Unternehmen in teure und riskante Experimente treibt. Wir müssen nüchtern abwägen:
- Welche Lösung garantiert Sicherheit und Compliance?
- Welche Plattform ermöglicht Skalierung und Innovation?
- Wie stellen wir die Resilienz unserer Wertschöpfungsketten sicher?
Fazit
Digitale Souveränität ist wichtig – aber sie ist kein Selbstzweck. Sie erfordert strategische Entscheidungen, nicht ideologische Reflexe. Microsoft hat in den letzten Jahren substanzielle Schritte unternommen, um europäische Anforderungen zu erfüllen. Wer Alternativen fordert, muss auch die Konsequenzen tragen: höhere Kosten, mehr Komplexität und potenziell geringere Sicherheit.
Quellen & weiterführende Informationen:
- https://www.microsoft.com/en-us/security/blog/2025/11/10/securing-our-future-november-2025-progress-report-on-microsofts-secure-future-initiative/
- https://news.microsoft.com/source/emea/2025/11/microsoft-expands-digital-sovereignty-capabilities/
- https://www.csoonline.com/article/3493759/die-10-grosten-open-source-risiken.html

